Mazedonien

Wie Martin auszog das Fliegen zu lernen

Während der zweistündigen Fahrt vom Ohrid See zurück ins Inland waren wir ganz aufgeregt, was uns, und besonders Martin, jetzt erwarten würde. In Prilep angekommen erwartete uns dann erst man nichts, bzw. niemand. Kristian, der Paragliding Lehrer verspätete sich, ganz nach mazedonischer Art, um gut eine Stunde. Aber das ist für mazedonische Verhältnisse noch völlig im Rahmen, wie wir mittlerweile mitbekommen haben. Wir nutzen die Zeit zum Reflektieren. Prilep war eindeutig ein Stück „richtiges“ Mazedonien. Kein geschönter Touri-Ort, keine Prachtbauten, keine Statuen und geschniegelte Cafés. Eine ehrliche, teilweise heruntergekommene, aber belebte Stadt mitten in Nord-Mazedonien. Hier herrscht das wirkliche Leben. An der Straße und an jedem Haus wird Tabak getrocknet. Mazedonien ist einer der größten Tabak Anbauer Europas. Überall in dieser Gegend finden sich Tabakfelder und die typischen „Tabak-Ketten“ an denen die Blätter zum Trocknen auf gehangen werden.

Als unser Ansprechpartner dann doch noch auftauchte, war es schon dunkel. Wir spazierten noch kurz durch die Innenstadt, denn allzu viel gibt es in Prilep auch nicht zu bestaunen und er zeigte uns anschließend einen Parkplatz, auf dem wir für die Nacht stehen konnten. In den nächsten Tagen wollten wir uns etwas außerhalb der Stadt suchen, aber erst einmal mussten wir abwarten, wie der „Kurs“ hier ablaufen würde. Auf jeden Fall etwas entspannter als in Deutschland, stellten wir schnell fest. Mit großzügigen anderthalb Stunden Verspätung erschien Kristian am nächsten Tag und fuhr mit uns zum ersten Trainingshügel. Ohne große theoretische Einweisung wurde Martin an den Schirm geschnallt, schnell die wichtigsten Handgriffe erklärt und dann kam wieder, das uns schon bekannte „run run run“. Nach einigen Versuchen bekam Martin den Schirm schon ganz gut nach oben und den restlichen Vormittag verbrachte er damit, zu üben wie man den Schirm kontrolliert.

Auch ich sollte es einmal probieren und Kristian schnallte mich vor einen kleineren Schirm. Zum Start legte ich erst mal eine Bruchlandung hin und flog in die Dornenbüsche auf der Wiese. Aua und sehr peinlich…. Dabei habe ich mir auch ganz schön das Knie aufgeschrammelt. Klingt jetzt vielleicht wie eine Memme, aber als erwachsener schrammt man sich nicht mehr so oft das Knie auf, und vergisst wie weh das eigentlich immer tat. Manno. Nach ein paar Versuchen bekam auch ich dann den Schirm hoch über meinen Kopf und konnte ein bisschen damit umher rennen. Weiter bin ich leider nicht gekommen und nach der Mittagspause wechselten wir an einen steileren Berg. Martin hatte schon soweit Kontrolle über seinen Schirm, dass er die ersten kleinen Flüge wagen konnte. Ich blieb am Bus und nutzte die Zeit um weitere Workaway Farmen anzuschreiben.

Am nächsten Tag fuhren wir wieder zu einem anderen Berg, an dem Martin schon die ersten richtigen Flüge startete. Wow, ihn nach nur zwei Tagen über mich hinweg fliegen zu sehen, war ein krasses Gefühl und er strahlte nach jeder Landung übers ganze Gesicht.

Am Wochenende sollte in Prilep die letzte Etappe des Europa-Cups im Paragliding ausgetragen werden. Am Nachmittag fuhren wir zum Austragungsort dem Berg Kruševo. Kristian hielt Martin für bereit vom großen Berg zu springen und den ersten Höhenflug zu wagen und Martin stimmte zu. Ich war richtig aufgeregt. Und dann, nach nur zwei Tagen Übung, hob er ab und flog und flog und flog. Ich bin richtig stolz auf mein Naturtalent!

Der Wettkampf am nächsten Tag begann mit nur einer halben Stunde Verspätung, ein neuer Pünktlichkeitsrekord! Martin durfte nach seinem Erfolg vom gestrigen Tag auch, natürlich außer Konkurrenz, mitspringen. Ich fuhr nach unten, zur Landestelle, um mir das Ganze als Zuschauerin anzusehen. Ich wartete und wartete und immer mehr Flieger landeten. Mh, eigentlich war Martin doch immer ganz am Anfang gesprungen, um bei dem Wettkampf nicht im weg rum zu fliegen. Er kam und kam nicht. Nach seinem Sprung kam Kristian zu mir und meinte Martin habe ein „kleines“ Problem. Er sei in einem ca. 20 Meter hohen Baum gelandet und hing dort nun fest, aber keine Sorge, das Rettungsteam sei schon auf dem Weg. Na toll! Stundenlang musste ich unten warten, einige der Paraglider erzählten mir, sie seien über ihn hinweg geflogen und es ginge ihm gut. Na immerhin. Nach einigen Stunden des Wartens kam dann der erlösende Anruf (Martin hatte sein Handy im Bus gelassen und konnte mich erst anrufen nachdem die Rettungsaktion vorüber war). Ihm war nichts passiert, alles noch dran, nur ein Schreck. Puh. Ich sammelte meinen Bruchpiloten ein. Zum Glück wirklich nur ein Kratzer und Martin wusste auch genau, was er falsch gemacht hatte und warum ihm die Bruchlandung passiert war. Das wird ihm sicher eine Lehre sein, sein Können nicht zu früh zu überschätzen. Es lief vielleicht ein bisschen zu gut zu Beginn seines Kurses und Hochmut kommt ja bekanntlich vor dem Fall.

Ich bin Heilfroh, dass nur der Schirm ein paar Kratzer abbekommen hat und Martin das Abenteuer heil und am Stück überstanden hat!

Für die nächsten Tage nahmen wir uns ein Apartment in Kruševo, damit ich mit Senta nicht immer am Auto warten müsste, wenn die beiden flögen. Martin traf sich weiter mit Kristian um noch mehr Sprünge zu absolvieren und erhielt am Ende sogar ein Zertifikat. Mal sehen wie weit er damit in Deutschland kommt, aber hey! Mission „fliegen lernen in Mazedonien“ ist erfolgreich abgeschlossen! Ich bin total stolz auf ihn und gespannt was uns als nächstes passiert.

Meine Tage in Kruševo verliefen sehr friedlich. Ich machte ausgiebige Spaziergänge mit Senta und erkundete das kleine Städchen. Ich glaube fast mittlerweile kennt mich hier jeder. Die verrückte die jeden Tag mit ihrem Hund spazieren geht! Das tut nämlich hier niemand. Die Straßenhunde, und davon gibt es viele in Kruševo, regieren in den Gassen und haben die Stadt in verschiedene Reviere aufgeteilt. Manchmal war es gar nicht so einfach mit Senta durch einige der Reviere zu kommen, aber im Großen und Ganzen waren die Hundebegegnungen friedlich. Frustriert und daher etwas gefährlicher sind eher die Kettenhunde und leider sieht man sie nicht immer früh genug hinter den Häuschen schlummern.

Nach ein paar Tagen wussten wir schon ganz gut welche Gangs freundlich waren und uns passieren ließen und wo wir auf der Hut sein mussten. Auch die vielen Gassen Kruševos sorgten manchmal für Verwirrung. Wir haben uns ein paar Mal verlaufen und dadurch aber neue Schleichwege und unbekannte Gassen und Straßen entdeckt.

Es wird Winter in Mazedonien. Nachts sind es schon unter Null Grad. Die Luft riecht nach verbranntem Holz, die Öfen der Häuser werden angefeuert. Den ganzen Tag kreischen die Kettensägen und es wird überall Holz gehackt, gespalten und eingelagert. Das Leben hier verläuft langsamer. Die Leute sind skeptisch Fremden gegenüber, aber auch freundlich, wenn man es mit einem Lächeln versucht.

Mein neues Lieblings-Auto! Ein Zastava

Heute traf ich einen älteren Herrn, der mit seinem Hund und seinem Esel Richtung Stadt unterwegs war. Ich begleitete ihn ein Stück und wir unterhielten uns mit Händen und Füßen über die mazedonische Mentalität. Nur das wir es hier ganz schön finden, wollte er mir nicht so richtig glauben. Kein Geld, zu viel Gemauschel und Schwarzmarktwirtschaft meinte er, oder zumindest sowas in der Art… Ich habe in den letzten Tagen einen richtigen Eindruck bekommen, wie das Leben hier abläuft. Ein großer Kontrast zu dem, was wir gewohnt sind. Ich mag das einfache, das entschleunigte Leben. Anderseits hat der Alte recht. Korruption und Vetternwirtschaft, im Großen wie im Kleinen sind sehr frustrierend für die, die nicht davon profitieren. Der Alte zeigte mir, im Ort angekommen, den Weg ins Zentrum und bog mit seinem Esel zu seinem kleinen Haus ab, wo er ihn im Garten abstellte. Wir lachten und winkten uns zum Abschied nochmal zu. Eine schöne Begegnung, an die ich noch lange denken werde.

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