Moldawien

Transnistrien- ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt

Auf unserer Reise durch Moldawien kommen wir auch durch Transnistrien: ein Land, das es offiziell gar nicht gibt. Ein Land bereisen, dass von den anderen Staaten nicht anerkannt ist, aber trotzdem sein Ding durchzieht? Genau nach unserem Geschmack. Die selbstbewussten Transnistrier haben eine eigene Landesgrenze etabliert, eine eigene Visa Bestimmung eingeführt(was nicht besonders schwer und direkt an der Grenze zu bekommen ist), eine eigene Währung, den transnistrieschen Rubel (man bekommt mit einer internationalen VISA- oder Mastercard KEIN Geld am Automaten und kann auch nicht damit bezahlen), ein eigenes Nummernschild und eine „eigene“ Landessprache, nämlich russisch, im Gegensatz zu Moldawisch, was im Rest des Landes gesprochen wird. Da sich das Land, aufgrund der Konflikte zwischen der russisch stämmigen Minderheit in Moldawien, die in diesem Teil des Landes die Mehrheit bildet, von der moldawisch/rumänischen Bevölkerung abgespalten hat, ist die Wahl der Landessprache keine Überraschung. Auch die ca. 1500 russischen Soldaten und die „Peace- keeping Tanks“ die, nach dem 1992 wütetenden Bürgerkriegs eingriffen und die Lage deeskalierten und seither an den Grenzen stationiert sind, zeigen die eindeutige Sympathie des kleinen Landes zu Mama Russland.

Die Einreise nach Transnistrien…

…ist schon ein kleiner Akt für sich, aber den Aufwand wert. Man muss verschiedene Stempel einholen, die richtigen Vignetten kaufen und einiges an Bürokratie über sich ergehen lassen, aber die Beamten an der Grenze waren alle sehr freundlich und wir kamen mit einem Mix aus Englisch und Russisch gut voran. Wer Fragen zur Einreise hat oder sich Tipps holen möchte kann uns gerne kontaktieren.

Transnistrien ist ein kleines Land. Die größte Stadt Tiraspol, welche gleichzeitig die Hauptstadt ist, hat ca. 200000 Einwohner, das ganze Land ca. 475000. Wir kamen bei Dimitrie unter, er und seine Eltern bauen derzeit ein kleines Hostel, das Red Star Hostel in Tiraspol auf. Die Familie ist sehr herzlich und gastfreundlich, spricht super englisch und der Garten war, für mich, die Gärtnern und Selbstversorgung ja ganz besonders liebt, eine reine Herzensfreude! So ein wunderschöner Ort! Obwohl sehr nah am Zentrum gelegen, ist das Hostel eine wahre Oase, ein ruhiger Rückzugsort und ein super Ausgangspunkt um die Stadt zu erkunden.

Ganz Tiraspol scheint derzeit im Umbau zu sein. Die Parks werden erneuert, öffentliche Plätze wie Skateparks und Strände am Fluss errichtet, neue Einkaufscentren werden gebaut (natürlich von „Sheriff“, der einzigen Supermarktkette die es im Land gibt, die nebenbei bemerkt auch der einzige Mobilfunkanbieter ist und über diverse andere Marktmonopole verfügt) und es eröffnen neue, schicke Restaurants und Bars. Die Stadt versucht sich zu modernisieren und das alte, graue Sowjet-Flair nach und nach abzusteifen. Seit ca. zwei Jahren geht die Modernisierung nun von Statten.

Das schwierigste bzw. umständlichste am Leben in einem nicht offiziell anerkannten Staat ist, laut Julia, der Freundin von Dimitri, die praktischerweise Stadtführungen anbietet und viele interessante Dinge über die Geschichte und das Leben in Transnistrien zu berichten weiß, wie könnte es anders sein, die Bürokratie. Da die offiziellen Dokumente außerhalb des Landes nicht mehr wert sind als das Papier auf dem sie geschrieben sind, die gültigen moldawischen Papiere aber in Transnistrien nicht anerkannt werden, darf man sich um Dokumente aus beiden Ländern bemühen. So werden Autokauf, Hochzeiten, Geburten etc. zu einem riesen Aufwand und natürlich auch Kostenfaktor.

Zurzeit scheint eine Patt Situation auf politischer Ebene zu herrschen und die neuen Grenzen und der Staat sind „defacto anerkannt“, was so viel heißen will wie: alle haben sich mehr oder weniger mit dem Status quo abgefunden und das Ganze wieder Rückgängig zu machen, würde so viel Aufwand kosten, das man es auch einfach beim derzeitigen Stand belassen kann.

Das Streben nach dem westlichen Lebensstil

Es ist doch sehr auffällig und beeindruckend, dass in jedem Land der ehemaligen Sowjetunion, welches wir bisher bereist haben, das Streben nach dem „westlichen“ Standard manifestiert ist. Uns stimmt diese Glorifizierung der westlichen Lebensweise und der Modernisierung etwas nachdenklich. Was haben unsere Gesellschaften von all diesen vermeintlichen Vorteilen? Natürlich sind funktionierende Gesundheits- und Sozialsysteme ohne Zweifel ein absoluter Segen, aber erwachsen aus den hoch technologisierten Standards und der Schnelllebigkeit, der oft auf Konsum basierenden Gesellschaften, nicht auch tiefgehende und bedenkliche Nachteile?

Was genau ist das Schlimme daran nur eine Supermarkkette zu haben? Worin besteht der große Nachteil an einer Form von Subsistenzwirtschaft oder zumindest einem gewissen Grad an Selbstversorgung? Ist höher, schneller und vor allem moderner im Sinne von NEUER wirklich BESSER als nachhaltiges Nutzen der vorhandenen Ressourcen und das Weitergeben von altbewährtem Wissen?

Die Erfahrung in ein solches Land zu reisen und die Kraft der Bevölkerung, aus der heraus sich das Ganze ja entwickelt hat, zu spüren und Menschen kennen zu lernen, die alltäglich mit den Vor- und Nachteilen einer solchen Situation leben, war sehr bereichernd und hat uns, bezüglich der Themen Landesgrenzen und Staatsformen definitiv ein wenig die Augen geöffnet. Hier passiert gelebte Geschichte und ähnlich wie die Situation in der Ukraine wird auch hier die Zukunft erst zeigen müssen in welche Richtung sich Land und Leute entwickeln.

12.07-14.07.2019

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