Bosnien-Herzegowina

Sarajevo- ein Ort der Zeitgeschichte

Nach der kurvenreichen und doch auch anstrengenden Strecke kamen wir gegen Nachmittag in Sarajevo an. Über die IOverländer App hatten wir einen Campingplatz oberhalb der Stadt gefunden. Dort angekommen konnten wir mit einem unglaublichen Ausblick über die Stadt parken. Nach ein wenig Erholungszeit am Camp wollten wir die Stadt erkunden.

Sarajevo sunset

Bereits beim Durchfahren am Nachmittag hatte man den Kontrast zwischen Moderne und den Kriegsspuren, die noch an vielen Stellen zu finden sind, wahrgenommen. Es ist noch keine ganze Generation her, das vor 25 Jahren die Stadt Sarajevo von, vornehmlich serbischen, Truppen belagert wurde und bei den Gefechten um die Vorherrschaft in der Stadt fast alle wichtigen Gebäude zerstört und tausende Zivilisten getötet wurden.  Der Zerfall Jugoslawiens hat hier deutliche Spuren hinterlassen. Hunderttausende Menschen waren in Sarajevo gefangen, der Krieg hatte die nach Unabhängigkeit strebenden Bosniaken vollkommen überrascht und somit standen sie den gut ausgerüsteten serbisch/kroatisch/jugoslawischen Truppen fast schutz- und wehrlos gegenüber. Über eine Millionen Menschen flüchteten insgesamt aus Bosnien-Herzegowina, viele davon nach Deutschland, und längst sind noch nicht alle wieder zurückgekehrt. Daher sprechen auch viele Menschen im Land, besonders die älteren, deutsch, die jüngeren dagegen eher englisch. Fast überall in der Stadt kann man noch Einschusslöcher und Granateneinschläge an Häuserwänden sehen. Aber auch der Aufbau, die Modernität, der Stolz der Bosnier lässt sich aus dem Stadtbild erkennen. Neu gebaute Hochhäuser mit schicken Glasfronten, gewienerte Einkaufsmeilen mit styleischen, meist westlichen Markenläden sowie restaurierte Kirchen und Moscheen sind Beweis dafür, dass diese Stadt nicht am Grauen, das hier geschehen ist, zerbrechen wird, sondern die Menschen nach vorne schauen und den Anschluss an die Moderne schaffen wollen.

Ein solch interessantes Flair und diese Kombination aus Geschichte und Aufschwung wollten wir uns natürlich genauer anschauen. Also stürzten wir uns ins Nachleben. Einige hundert Meter vom Campingplatz entfernt lag ein Restaurant mit einer Sommerrodelbahn. Dort fragten wir nach einem Taxi und der freundliche Kellner bestellte uns sofort eins. Die Leute hier sind unglaublich hilfsbereit und offen. In der Stadt steuerten wir die Bar „Zlatna Ribica“ an was auf Deutsch „zum Goldfisch“ heißt. Was für ein cooler Laden! So ein Unikat, ein echtes Juwel, die Deko ein wilder Mix aus allem, die Preise endlich wieder moderat und die Stimmung super gut! Wer Sarajevo besucht, sollte hier definitiv vorbeischauen! Weiter ging es auf die Fehadija, die Haupteinkaufs- und Flaniermeile. Des Nachts tummeln sich hier Einheimische und Touristen, das Flair ist international. Muslime und Christen leben hier Seite an Seite und Moscheen stehen neben Kirchen. Die Altstadt mit ihren flachen Steinhäusern sticht durch ihren basarartigen Charakter hervor. Überall bis in die Nacht geöffnete Buden und vor allem Restaurants und Snackbars. Sarajevo ist definitiv keine Stadt zum Abnehmen! Man sollte auf die kulinarischen Genüsse, die hier hinter jeder Ecke warten, nicht verzichten und sich die Stadt beim Erkunden auch schmecken lassen!

Nach einem lecken Mahl in einem der vielen Restaurants, die in den Seitengassen versteckt liegen (nach 22 Uhr wohlgemerkt. So etwas wie Küchenschluss gibt es hier nicht…) steuerten wir das Jazzbina, einen Jazz/Blues Club an. Der Laden war gerappelt voll, überall wurde geraucht und gelacht und die Liveband heizte die Stimmung noch mehr an. Wir hatten einen richtig guten Abend in einer fröhlichen, internationalen, offenen und multikulturellen Atmosphäre, mit wirklich gemischtem und interessantem Publikum, in einer aufstrebenden Stadt, die trotz des Schreckens, den viele, die in dieser Nacht mit uns gefeiert haben auf die eine oder andere Art erlebt haben, weltoffen und herzlich ist.

Die fröhlich gelöste Stimmung die wir am Abend genossen hatten, machte mich später nachdenklich. Natürlich sind längst nicht alle Konflikte in dieser Stadt und in diesem Land befriedet und bei weitem ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Oft sind die Stadtviertel oder ganze Regionen noch immer nach serbischen oder kroatischen oder eben bosnischen Mehrheiten abgegrenzt und auch wenn die unterschiedlichen Gruppierungen wenigstens nicht mehr aufeinander schießen, sind sich längst nicht alle Menschen in Bosnien-Herzegowina grün. Was mich aber tief berührt hat, ist die Offenheit und Neugier Fremden gegenüber. Wie kann man wieder so viel Vertrauen fassen nach dem Jahre lang, mehr oder weniger, jeder auf jeden geschossen hat, Hilfe von außen, sprich von der Nato, nur zögerlich erfolgte oder gänzlich ausblieb und Not und Elend an der Tagesordnung standen…? Wie kann man so gastfreundlich auf Fremde zugehen, seinen eigenen Landsleuten so viel verzeihen und so mutig nach vorne in Richtung Moderne und EU blicken und schreiten? Natürlich muss eine zerstörte Stadt aufgebaut und ein geschundenes Land den Weg zur Normalität wiederfinden, aber die Art und Weise, die wir hier gesehen und erlebt haben, haben mich wirklich sehr beeindruckt. Wenn man etwas über Vergebung lernen möchte, sollte man diese Stadt besuchen!

Die Tage in Sarajevo gingen schnell vorbei. Wir haben viele Ausflüge gemacht und interessantes und lustiges erlebt. Ein Besuch im Tunnel-Museum, der während der Belagerung von 1990-1996 der einzige Weg aus der Besatzungszone gewesen ist, war sehr interessant und hat die Situation während der Belagerung noch einmal anschaulich verdeutlicht. Der, mit Spaten und Hacke selbst gebuddelte Tunnel war in der Zeit der Belagerung eine der wichtigsten und vor allem hoffnungspendensten Bauten für die eingeschlossenen Bosnier. Auch was es mit den „Rosen von Sarajevo“ auf sich hat, die man in der ganzen Stadt findet, kann man hier nachlesen.

Wir haben uns aber auch den lustigen und schönen Dingen zugewendet, die man hier erleben kann, so sind wir zum Beispiel Sommerrodelbahn gefahren, haben den echten bosnischen Kaffee, mit dem besten Ausblick über die Stadt genossen und das Leben und Treiben in der Altstadt verfolgt. Leider wurden die Nächte dort oben nun langsam wirklich ungemütlich kalt. Wir haben zwar eine Heizung an Bord, aber man konnte abends nicht mehr vor dem Auto sitzen und jeden Abend schon um 7 ins Auto zu kriechen wird auf die Dauer dann schon etwas eng. Wir beschlossen also dieser tollen Stadt „auf Wiedersehen“ zu sagen und uns Richtung Süden, dem besseren Wetter entgegen, auf den Weg zu machen!

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