2020-02-06 Grichenland

Frei, aber nicht freiwillig

Die Zeit auf Gavdos verging in einem merkwürdigen Tempo. Manche Tage, sogar Wochen flogen nur so an uns vorbei. Die Zeit rann uns durch die Finger wie der Sand an den menschenleeren Stränden. Andere Tage zogen sich wie Kaugummi. Die Stunden wollten einfach nicht vergehen. Nicht einmal die Wolken schienen sich zu bewegen. Es gab wenig zu tun und noch weniger Motivation. Unmut machte sich breit. Warum fällt es uns so schwer Stillstand auszuhalten?

Es gab auch noch immer so viel zu entdecken. Oft machte uns aber einfach das Wetter einen Strich durch die Rechnung oder wir mussten Organisatorisches erledigen, was schnell zur Tagesaufgabe avancierte. Zur Fähre fahren, um Lebensmittel abzuholen oder zur Quelle, um das Trinkwasser aufzufüllen. Das klingt erstmal nicht verrückt. Doch diese Versorgungsfahrten nahmen oft den halben Tag in Anspruch und man konnte sich aufgrund er unbeständigen Wetterlage nie so richtig sicher sein, ob beispielsweise das Boot kommt oder nicht, also hieß es sich in der Zeit, in der es zu erwarten wäre, bereit zu halten und alle anderen Pläne hintenanzustellen.

Frische Lebensmittel von der Fähre! YEAH! Wie Weihnachten

Senta war zwischendurch ziemlich krank, sie hustete und schniefte zum Gotterbarmen und alle meine homöopathischen Mittelchen und Kräutertees halfen nicht weiter. Also musste sie mit Antibiotika behandelt werden, welches ich auch von der Apotheke auf Kreta bestellte. Da sie mehrere Wochen aufgrund der Krankheit nicht fit genug war, um mich auf längere Fußmärsche und Wanderungen, bei den meist doch schon recht warmen Temperaturen, zu begleiten, saß ich relativ viel im Camp fest.

Zum Schwimmen oder Angeln bzw. sich am Strand aufhalten war der Wind meist viel zu stark. Kochen war nur recht eingeschränkt möglich, Ablenkung gab es kaum.

Was passiert mit einem, wenn man in einer so reizarmen Umgebung festsitzt und nur wenig Ablenkung den Tag begleitet. Man wird mit Themen in seinem Leben konfrontiert, mit denen man sonst nicht so direkt in Kontakt kommt.

Es ist sehr privat darüber zu schreiben und deshalb werde ich auch nicht alles weiter vertiefen. Am Ende war es eine sehr emotionale, tiefgreifende und kraftzehrende Zeit. Gleichsam war sie nach so vielen Monaten auf der Reise notwendig, heilsam und hat zur persönlichen Entwicklung beigetragen.

Eine Insel für die Seele

 Natürlich fanden wir letztendlich doch noch genügend Zeit, um die Insel zu erkunden und zu durchstreifen. Wir haben am Ende fast jeden der Strände auf Gavdos besucht. Jeder hat seine ganz eigene Energie und seinen Charme. So empfängt einen der Potamos Beach mit hohen schützenden Felswänden. Die steinige Wanderung endet an einer steilen Felswand, die man auf einem schmalen Pfad hinab zum Strand wandern muss. Wir waren an einem stürmischen Tag dort, die See tobte und die Energie lag fast greifbar in der Luft. Es war ein unwirkliches Territorium, aber auch dort fanden wir die Cavazzas, die selbstgebauten Strandhütten, in denen im Sommer Leute campieren. Über Potamos sagt man, wenn man 10 Tage dort verbringt, kommt man als anderer Mensch zurück. Das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich empfand die Energie und dort fast schon als bedrohlich und auf jedenfalls sehr kraftvoll und eindringlich.

Ein weiterer sehr schöner und etwas friedvollerer Strand ist Lavrakas. Dort wohnen die meisten, die auch im Winter über in ihren Cavazzen auf Gavdos bleiben, denn es gibt dort einen Brunnen. Die Kedros kreieren eine knorrige Landschaft und boten Schatten vor der schon recht kräftigen Sonne.

In der Zeit auf „unserer“ kleinen Hippie Insel verlor ich nach und nach gänzlich das Gefühl für Zeit und die Welt da draußen. Hier war alles so eindeutig, einfach, real.

Meine schöne Nessaja….

Ich habe mir beigebracht wie man Ziegenfrischkäse selber macht. Das ist super einfach, macht Spaß und schmeckt mega lecker!

Man braucht einen Liter frische Milch, mit mindestens 3,5 % Fettgehalt. Diese erhitzt man, am besten natürlich über dem offenen Feuer, damit das Feeling stimmt. In einer Stadtwohnung kann man eventuell, zur Vermeidung großflächiger Brandschäden oder dem Ärger mit den Balkonnachbarn, auch auf einen Herd zugrückgreifen. Der erhitzten Milch gibt man den Saft einer Zitrone hinzu und je nach Gefühl noch ein bisschen Essig. Dann lässt man das ganze abkühlen und kann dabei zugucken, wie sie die Molke von dem Käse trennt. Nach einer Weile kann man das ganze durch ein Küchentuch gießen und den Käse nach Belieben würzen. Für mich war dies eine willkommene Abwechslung und ein kulinarischer Hochgenuss.

Wir nutzten unsere Zeit, um die neu gewonnen Freundschaften zu pflegen, kochten gemeinsam, verbrachten Zeit am Strand und genossen es, die Insel fast ganz für uns alleine zu haben. Es ist schon interessant und macht mich nachdenklich, dass viele Einheimische, egal wo, ihre Umgebung und die Natur gar nicht mehr zu schätzen wissen und sich scheinbar überhaupt nicht darum scheren, wo sie wohnen oder ihren Job ausüben (meist eine Taverne betreiben oder ähnliches). Den ganzen Tag hocken ausnahmslos alle Einheimischen vor ihrem Smartphone oder dem Fernseher und lassen sich berieseln. Mir ist klar, dass man sich an seine Umgebung gewöhnt und so weiter, aber auch in meiner Heimat habe ich es immer geliebt, in der Natur zu sein und sie zu erleben und zu entdecken und das waren „nur“ mittelhessische Wälder und Felder, oder später der Strand und die Umgebung in Rostock und keine traumhaftschöne Mittelmeer Insel. Nun ja, kulturelles Verständnis heißt eben auch, dass man nicht immer alles versteht.

Martin nutzte die vielen windigen Tage, um seine Windsurf-Skills zu verbessern und sogar mir war das Wasser irgendwann nicht mehr zu kalt und ich machte erste Versuche auf dem Brett. An windstillen Tagen nutzte ich das Brett als Standup-Board und paddelte weit in die Bucht hinaus um mich auf offener See treiben und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Eine sehr beruhigende Umgebung, in der die Gedanken ganz still werden.

Eine der aufregendsten Geschichten war sicherlich unser großer Fang. Wir hatten eine ausgeklügelte Angeltaktik entwickelt. Ich paddelte mit dem Surfbrett die Küste ab und sucht mit der Taucherbrille nach guten Fischgründen (sagt man das so? meine angelversierten Freunde werden sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber ich bin ja noch Anfänger). So konnte ich Martin gezielt sagen, wo es sich lohnen könnte, die Angel einzuwerfen. Nach wenigen Momenten kamen plötzlich aus dem Nichts zwei pfeilschnelle Körper angeschossen. Der eine schnappte sich den Köder. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, aber paddelte was das Zeug hielt, denn ich hatte überhaupt kein Bedürfnis, mit so einem Prachtexemplar auf Tuchfühlung zu gehen. Martin zog den Brocken derweil aus dem Wasser, wobei sogar die Angel zerbrach. Wow! Was für ein kapitaler Fang. Unser bisher größtes Anglerglück und echtes Teamwork. Stolz wie Bolle brachten wir unsern Fang zum Strand zurück und zeigten ihn unserm Freund Georgios. Dieser freute sich zunächst mit uns doch nach genauerem Hinsehen schüttelte er skeptisch den Kopf.

Wir waren so stolz auf unseren kapitalen Fang…. So sieht er aus. Der olle Hasenkopf-Kugelfisch

Auch Martin hatte schon einen bösen, leisen Verdacht. Wir schauten zur Sicherheit noch mal im Internet nach, den eigentlich war nur ein großes Barbecue mit reichlich frischem Fisch angesagt!

Zum Glück fand das nicht statt, sonst würdet ihr diese Zeilen nicht lesen. Wir haben es doch tatsächlich geschafft, den einzigen tödlich giftigen Fisch aus dem ganzen Mittelmeer zu angeln. Der Hasenkopfkugelfisch ist ein invasiver Jäger, der in diesen Gewässern eigentlich nichts verloren hat, sich hier aber sau-(oder besser gesagt fisch-)wohl fühlt. Na super.

Die Enttäuschung war groß, doch die Erleichterung darüber, dass wir zumindest noch leben und eine wirklich lustige Story zu erzählen haben, ist größer!

Aber natürlich machten auch wir uns Gedanken darüber, wie es weitergehen sollte. Kreta lag vor uns und wollte auch noch entdeckt und bereist werden. Und auch das Wiedersehen mit Deutschöand rückte langsam näher und in unser Bewusstsein. Mit gemischten Gefühlen beschlossen wir nach Kreta überzusetzen. Nach über zwei Monaten auf der Insel sagten wir „Goodbye, Jasas, Auf Wiedersehen“ wunderschönes, wildes Gavdos!

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