Türkei

Ängste- ein alter neuer Reisebegleiter

Der heutige Beitrag soll sich mit einem Thema befassen, dass derzeit bei uns sehr präsent war und immer noch ist: mit Ängsten.

Auf einer Reise in unbekannte Länder, ob sie vor der Tür liegen oder auf weit entfernten Kontinenten, begegnet man seinen Ängsten mehr als nur einmal.

Meist beginnt eine solche Reise schon mit verschiedenen Ängsten und nicht immer, sind es die eigenen. Familie und Freunde machen sich bereits im Vorhinein Sorgen und äußern ihre Bedenken, bezüglich eines solch, vermeintlich wagemutigen, Unterfangens. Auch man selbst hat vielleicht so seine Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns, zumindest aber ganz kurz den Moment, indem man Angst vor der eigenen Courage bekommt.

Auf der Reise selbst begegnen einem weitere Ängste. Man muss fast täglich seine Komfortzone verlassen. Man muss sich überwinden auf fremden Sprachen oder gar mit Händen und Füßen zu kommunizieren, man muss die eigenen Grenzen überwinden und sich frei von angstbasierten Vorurteilen machen, man muss lernen, seine Bedürfnisse zu kommunizieren, nach Hilfe zu fragen, neue Orte zu erkunden…

Es kann beängstigend sein, im Dunkeln, an einem Waldrand, Gebirge, See oder auf einem Parkplatz in einer fremden Stadt zu stehen. Man hört Geräusche und die (horror-)filmgeprägte Fantasie führt uns lebhaft tausende Szenarien vor Augen, die ganz und gar nicht hilfreich sind, seine Ängste zu kontrollieren.

All solche Situationen werden einem in der Fremde begegnen. Reisen, das hat auch etwas mit loslassen zu tun. Loslassen vom eigenen Sicherheitsbedürfnis. Loslassen von Vorurteilen. Loslassen von Ängsten.

Warum wir uns derzeit so intensiv mit dem Thema Angst beschäftigen hat einen einfachen Grund:

Ich habe Angst.

Zum Hintergrund: Es gab in der Türkei leider einige Vorfälle mit den dortigen Straßen- und Hofhunden, die meist von stattlicher Natur und Mixe oder reinrassige Vertreter der Rasse Kangal sind. Diese Herdenschutzhunde sind dafür gemacht, auf sich allein gestellt, in den türkischen Bergen das Vieh gegen Wölfe, Bären und Diebe zu verteidigen. Und so sehen sie auch aus. Aber nicht nur ihre Erscheinung ist imposant. Kangals sind unglaublich intelligent, menschenbezogen, selbstständig und TERRETORIAL (aggressiv). Und genau das müssen sie, bei der Ausübung ihres Jobs, natürlich auch sein. Ich bin ein Hundemensch. Ich suche nicht die Schuld beim Hund. Aber ein „arbeitsloser“ Kangal, bzw. einer der unterfordert ist, oder gänzlich auf der Straße lebt, sucht sich eine Beschäftigung und da kommt so ein dahergelaufenes Touristen-Hündchen gerade recht.

Wir hatten ohne Zweifel auch tolle Begegnungen mit diesen Riesen. Einer war so verliebt in Senta, dass er drei Tage und Nächte lang vor unserem Häuschen, in dem wir Weihnachten, in den türkischen Bergen, verbracht haben, campierte und herzerweichend winselte, wenn Senta sich blicken ließ. Und der war groß wie ein Pony.

Senta wurde aber leider einige Male von Hunden, meist wenn das ganze Rudel ankam, attackiert. Die Hunde werden in der Türkei von jedem gefüttert und sind daher sehr distanzlos. Sie kamen oft sehr nah zum Bus, den Senta, mit ihrem ganzen Wachhund-Stolz, verteidigt. Bisher haben das alle Straßenhunde akzeptiert und Abstand gehalten. Ein Kangal/-mix-Rudel aber organisiert sich und lässt sich eine solche Frechheit, in seinem Territorium, nicht bieten.

Die schlimmste Attacke, die auch mit einem Besuch beim Tierarzt endete, kam völlig unerwartet. Wir gingen spazieren und aus dem Nichts kam ein Hund von hinten angerannt. Senta lief einige Meter vor uns und er sprang ihr, ohne ersichtlichen Grund, nach kurzem Schnuppern in den Rücken und versuchte, sie zu Boden zu werfen. Wir sprangen Senta sofort zur Hilfe und zum Glück ließ er auf unser Schreien, Treten und mit der Leine schlagen von ihr ab und rannte davon.

Solch eine Brutalität habe ich unter Hunden noch nicht gesehen. Ich war schockiert. Senta musste, zum Glück, nur mit einem Stich, genährt werden. Die körperliche Wunde war geringer, als die seelischen Auswirkungen bei ihr und mir, die folgen sollten.

Seither habe ich Angst. Angst um Sentas Unversehrtheit, um ihre Gesundheit, sogar um ihr Leben. Sie begleitet mich seit elf Jahren und sie wurde auch schon in Deutschland ein paar Mal gebissen oder in Beißereien verwickelt und nie hatte ich in der Folge Angst vor anderen Hunden.

Aber hier, in einem Leben, in dem man ständig den Ort wechselt, keinen Zaun und keine Tür, keine gewohnte Umgebung, keine „safe-zone“ hat, habe ich Angst bekommen. Ich hatte teilweise Panik, wenn ich einen anderen Hund gesehen habe, besonders wenn es sich um meine neue Lieblingsrasse, die Kangals, handelte. Ich wollte mit Senta nicht mehr aus dem Auto steigen. Ich bin nur noch bewaffnet mit Pfefferspray und Regenschirm oder Stock spazieren gegangen, habe ständig die Umgebung abgecheckt und konnte Senta kaum noch ohne klopfendes Herz freilaufen lassen. Ein absoluter Stresszustand für mich. Ich liebe gerade die Freiheit, die dieses Leben, insbesondere für meinen Hund, mit sich bringt.

So gestresst ging es ein paar Tage weiter. Unsere Beziehung litt darunter, es gab ständig Konflikte. Ich war permanent angespannt, das Camperleben machte so wenig Spaß, spazieren gehen mit Senta auch.

Aber wie wird man seine Angst in einem solchen Moment wieder los? Rein rational betrachtet weiß und wusste ich ja, dass ein Hundebiss vorkommen kann und nicht das Ende der Welt bedeutet. Und wir hatten doch auch schon positive Erfahrungen gemacht. Meine Fantasie aber ersponn immer neue, immer schlimmere Szenarien. Zum ersten Mal fand ich mich hilflos meiner Angst gegenüber. Das belastete mich total, denn ich WOLLTE ja keine Angst haben. Ich weiß, dass man besonders nach einem solchen Vorfall wieder Vertrauen fassen und Hundebegegnungen gelassen und souverän entgegentreten muss. Aber das war leichter gesagt, als getan.

Natürlich muss jeder individuell für sich einen Weg finden, mit Ängsten umzugehen. Ich möchte hier aber teilen, was mir geholfen hat, wieder mehr Kontrolle über meine Ängste zu bekommen.

Nicht das schlimmste, sondern das beste Szenario visualisieren.

Ich habe eine sehr lebhafte Fantasie. Daher habe ich schnell Bilder im Kopf und wenn diese von Ängsten geprägt sind, sind es natürlich schreckliche Szenarien. Wenn ich mir aber fest vornehme und ganz bewusstmache, dass der nächste Hund Senta nicht zerfleischen wird, sondern die beiden sich freundlich beschnuppern werden und dann jeder seiner Wege zieht, habe ich ein positives Bild im Kopf und kann den Ausgang der Situation positiv beeinflussen. Das erfordert Kraft und etwas Übung. Dafür hilft diese Methode auch bei anderen, viel banaleren Situationen oder bei der Entscheidungsfindung (was wäre das beste was passieren /wofür ich mich entscheiden kann?) und ist daher ohnehin sehr nützlich.

Das Thema offen kommunizieren und Hilfe annehmen

Natürlich haben Martin und ich viel, fast permanent, darüber geredet. Das war auf Dauer für unsere Beziehung sehr kräftezehrend. Da wir aber in diesem Bus zusammen auf engstem Raum leben, betreffen meine (und seine) Ängste den anderen eben auch. Ich bin Martin sehr dankbar, der sehr verständnisvoll war, mir den Rücken gestärkt und mich beruhigt hat. Zum Glück ist er so rational und konnte einige meiner Attacken gut auffangen.

In einigen Situationen, wenn ich zu emotional geworden bin und gemerkt habe, dass meine Angst mich überkommt, wenn ich einen anderen Hund sah, hat Martin Senta übernommen. Durch seine Souveränität und Ruhe ist dann auch nichts passiert. Meine Aufregung und Unsicherheit wäre da fehl am Platz gewesen.

Das war für mich extrem schwer. Mir eingestehen zu müssen, dass ich meinen eigenen Hund gerade nicht führen kann und abgeben muss. Es fühlte sich wie eine persönliche Niederlage an. Aber es hat mich gelehrt, mir meine Schwäche einzugestehen und ich habe erleben dürfen, was für einen tollen Partner ich an meiner Seite habe, der mich durch solche Situationen hindurch unterstützt.

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen treffen

Da meine Angst ja auch nicht so ganz unberechtigt war, haben wir einiges an unserem Verhalten geändert. Das gab mir, vor allem, das Gefühl zurück, wieder mehr Kontrolle über die Situationen zu bekommen. Senta durfte nun beispielweise nicht mehr jeden Morgen allein aus dem Van hüpfen und herumstreunen. Ich stand mit ihr auf, ging vor ihr aus dem Bus und checkte erst mal die Lage.

Ein liebe Freundin, Anna von Annasblog.de, die auch mit ihrer vierbeinigen Gefährtin unterwegs ist, gab mir den Tipp, ein stabiles Hundegeschirr zu besorgen. Diese Arbeitsgeschirre decken den Nacken und Rückenbereich von Hunden ab und sind sehr stabil, sodass ein Biss erstmal nicht durch das Material hindurchgeht. Es ist zwar keine kugelsichere Weste, aber es hatte einen großen psychologischen Effekt. Ich hatte das Gefühl Senta nun besser vor Beißattacken schützen zu können, wenn ich sie denn nicht verhindern kann.

Auch den Freigang habe ich natürlich limitiert, was aber der Leinenführigkeit zugutegekommen ist. Auch mal wieder gut zu üben… Wir haben Stellen gemieden, an denen Rudel zu sehen waren, haben aber zu einzelnen Hunden, die einen unterwürfigen Eindruck gemacht haben, Kontakt gesucht.

Dem Hintergrund der Angst auf den Grund gehen

Ich denke aber fast am wichtigsten ist es, der Angst auf den Grund zu gehen. Warum habe ich Angst? Offensichtlich habe ich Angst Senta zu verlieren (Verlustangst) und Angst meiner Verantwortung nicht nachzukommen (Versagensangst). Diese zwei Ängste zu erkennen, war Teil der Gespräche zwischen Martin und mir und die Erkenntnis darüber, hat mich enorm weitergebracht. Das Gute an Ängsten ist nämlich, dass man sie bearbeiten kann, BEVOR sie zu Traumata werden.

Und wenn man weiß, womit man es zu tun hat, kann man anfangen gezielt daran zu arbeiten. Ich habe mich zu den beiden Ängsten belesen, habe Meditations-Podcast gehört und mich mit Martin und meinen Freunden ausgetauscht. Das alles hat gute Erkenntnisse geliefert. Ich würde nicht sagen, dass ich jetzt total angstfrei bin, aber ich verstehe mich jetzt besser und kann besser auf diese Emotionen reagieren.

Eine gute Frage, die man sich stellen kann ist auch: „Warum passiert mir DAS?“, anstelle von: „Warum passiert MIR das?“. So kann man versuchen, den Sinn hinter Ereignissen zu erkennen und aus den Situationen zu lernen. Oft ist es sehr hilfreich zu hinterfragen, warum einem bestimmte Dinge passiert sind und was das eigentlich bedeuten könnte. Was für Schlüsse lassen sich daraus ziehen und welche Handlungen/Schritte/Erkenntnisse ergeben sich?

Ich habe es mit diesen Methoden geschafft, wieder entspannter mit der Situation umzugehen. Allerdings habe ich auch noch ein gutes Stück Arbeit vor mir, wieder ganz zur alten Gelassenheit zurück zu finden.

Letztendlich haben wir uns auf eine der griechischen Inseln zurückgezogen, um ein wenig Ruhe in die Situation zu bringen. Wir wollten die Inseln ohnehin gerne sehen, unsere Aufenthaltsgenehmigung für die Türkei läuft bald aus und das Wetter ist hier besser, als an der türkischen Küste. Es gab also ein paar gute Gründe, die für diesen Ortswechsel gesprochen haben.

Und schon wenige Stunden nach der Ankunft auf Kos konnte ich sagen: „Es war die richtige Entscheidung!“. Wir haben uns vom ersten Augenblick so wohl hier gefühlt, wie schon lange nirgendwo mehr. Wie so oft mussten wir feststellen: „Nichts passiert ohne Grund“… In uns brodeln einige Ideen, die durch das Gefühl, welches wir hier haben, noch befeuert werden, aber davon zu gegebener Zeit mehr…

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